22.05.2013 13:52 Alter: 4 yrs

SOA neu interpretiert: Sehen, Ordnen, Aufräumen

Die SOA Days 2013 standen ganz im Zeichen der Möglichkeiten, die Service Orientierung in Sachen Effizienz, Standardisierung und Digitalisierung der Geschäftsstrategien bringt. Inzwischen, so der Tenor der Veranstaltung, die zum zweiten Mal vom SOA Innovation Lab ausgerichtet wurde, gehören SOA und Enterprise Architecture Management zum Webmuster vieler Unternehmen.   *von Christoph Witte


Die rund 200 Teilnehmer der SOA Innovation Days 2013 hörten offensichtlich interessiert zu.

Dr. Johannes Helbig spannte den Rahmen der diesjährigen SOA-Days.

Dr. Markus Müller, CIO der Telekom, betonte die Notwendigkeit des Rückbaus von Altanwendungen.

Der vom SOA Innovation Lab entwickelte Cloud Computing Guide strukturiert seine Ratschläge in 5 Dimensionen und 13 Einzelschritte.

Der VW setzt auf SOA. Dabei haben sich die Verantwortlichen allerdings eine andere Langversion von SOA ausgedacht: Statt Service oriented Architecture schreiben sie Sehen Ordnen Aufräumen.

Johannes Helbig, Chief Innovation Officer Deutsche Post AG und Vorstandsvorsitzender des SOA Innovation Lab, spannte den Rahmen für die Inhalte der Konferenz: „Businesstransformation durch und mit IT wird eines der großen Managementthemen dieser Dekade.“ Die Ursache dafür sieht er in dem massiven Druck unter dem die traditionellen Geschäftsmodelle der Unternehmen stehen. „Oft muss das Geschäftsmodell oder zumindest das Operating Model vollständig neu entwickelt werden, wenn die Möglichkeiten der digitalen Welt zur Chance und nicht zur Bedrohung werden sollen“, betonte Helbig.  Dazu sei eine Transformation der gesamten Wertschöpfungskette nötig, angefangen bei neuen Formen des Sourcing – zum Beispiel Cloud Computing - über automatisierte Prozesse bis hin zu vollständig digitalisierten Produkten und Dienstleistungen.  Zur Umwandlung der darunter liegenden IT-Strukturen werde erfolgreiches Enterprise Architecture Management zum kritischen Faktor. „Weil die Abhängigkeiten der einzelnen Komponenten und Domänen voneinander in einer Service orientierten Architektur sehr viel geringer sind als in einer eng gekoppelten, können Unternehmen mit SOA die Transformationen so gestalten, dass sie ihre bestehenden IT-Assets in die Zukunft einbringen können.“

 Telekom setzt beim Architekturumbau auf frühe Einbindung der Fachseiten

Die Deutsche Telekom war erstmals Gastgeberin der SOA Days 2013 und bot den rund 200 Teilnehmern mit dem Basketball-Stadion Telekom Dome in Bonn eine außergewöhnliche Eventkulisse. Markus Müller, CIO der Telekom, erklärte in seinem Vortrag den voranschreitenden Architekturumbau im Konzern: „Zunehmender Breitbandhunger, schnelle Änderungen des Konsumverhaltens und der Bedarf nach mehr Self Service-Optionen, zum Beispiel das Zu- und Abbestellen neuer Dienste in Realtime, fordern eine Neuorientierung der IT, die sich auch deutlich auf die Anforderungen an ERP-, Billing und CRM-Systeme und ihre Schnittstellen auswirkt. Die in vielen Unternehmen vorkommende Komplexität einer siloartigen IT-Struktur ist diesen Anforderungen nicht gewachsen. „Die Telekom IT forciert daher seit einem Jahr einen radikalen Architekturumbau.“, sagte Markus Müller.

Neuimplementationen heben Wartungskosten

Die Kernherausforderung, die sich aus dem Spannungsfeld zwischen Business Transformation und Kostendruck ergebe, sei, den Architekturumbau so zu gestalten, dass Innovationen für das Business kosteneffizient und zeitnah angesetzt und gleichzeitig Konsolidierungs- und Abbaupotenziale voll ausgeschöpft werden. Nur so lässt sich die Kostenfalle vermeiden, die von steigenden Betriebskosten bei gleichzeitig sinkenden IT-Budgets gekennzeichnet sei. „Jede Neuimplementierung hebt im Schnitt die Wartungskosten um rund 20 Prozent der Implementierungskosten an. Hat man neben den Innovationen nicht auch gleichzeitig Konsolidierung und Abbau im Blick, bleibt für Neuentwicklungen kein Raum mehr“, erklärte Müller.
Das Erfolgsrezept ist ein integrierter Angang zwischen Business und IT.
„Unsere internen Kunden, die neue Anwendungen brauchen und von uns fordern, müssen uns auch beim Retirement unterstützen. Denn selten wird eine Applikation durch Neubau völlig redundant. Kunden müssen zulassen, dass ihre Applikationen „umgezogen“ werden. Sonst ist nur Rückbau möglich, und der setzt nicht genug Budget frei“, ergänzte Müller.

„Wer neu baut, der räumt auch auf.“

Als Beispiel brachte er das umfangreiche, internationale ERP Standardisierungsprogramm des Konzerns. Da sind nicht nur diverse ERP-Systeme betroffen, sondern auch 200 „Umfeldsysteme“, die von CRM über BI, Portale bis hin zum Enterprise Support reichen. Durch eine ERP-Erneuerung lassen sich nur die direkt abgelösten ERP-Applikationen abschalten, viele andere Systeme können nur teilweise zurückgebaut werden, andere wiederum gar nicht. „Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Man kann bei einem Investitionsvolumen von rund 600 Millionen Euro durch das Abschalten der entsprechenden ERP-Altapplikationen nur 20 Millionen Euro Einsparungen erzielen. Um diesen Wert auf 60 Millionen Euro, also auf 10 Prozent der Investitionssumme zu steigern, muss man tiefer greifend abbauen“, berichtete Müller. Und erklärte anhand einer veralteten SAP-Plattform für Finanzen & Logistik, auf der noch Vertriebsapplikationen wie die externe Bonitätsprüfung laufen, wie die Konzern IT ihren Business Partner Sales involviert. „Der Abbau der Plattform ermöglicht uns Einsparungen im zweistelligen Millionenbereich. Die können wir uns nicht entgehen lassen“, sagte Müller.
Doch in vielen Unternehmen bliebe die IT bei Abbauprogrammen von Altanwendungen “unter sich“. Bei der Telekom sind Retire-Programme heute kein IT-Alleingang mehr und fest verankert in jedem Neubauprojekt. Jedes neue Projekt wird nur dann genehmigt, wenn es einen klaren Abbauplan mit klaren Verantwortlichkeiten enthält und die Fachseiten nachweislich eingebunden sind.  „Daher gilt für uns heute das Leitmotiv: Wer neu baut, der räumt auch auf. Das aktive Retirement funktioniert auch Dank des Service-orientierten Ansatzes bei der Telekom inzwischen so gut, dass  Müller sicher ist, von einer Milliarde Euro, die er aus dem IT-Budget bis 2015 erzielen muss, allein über 100 Millionen durch Retirement erreichen kann. „Bei diesem Thema können Sie sich auch der Rückendeckung Ihres CFO sicher sein. Er wird sie in den Verhandlungen mit ihren Partnern unterstützen“, schloss Müller.

Transitionskosten in die Cloud minimieren

Ebenfalls Transformation und Effizienzsteigerung erhoffen sich die Unternehmen, die auf Cloud Computing setzen. Allerdings ist das oft schwieriger getan als gesagt, vor allem wenn es um mehr geht als um Infrastructure as a Service. Deshalb hat unter Leitung von Björn Oestrich, Enterprise Technical Architect bei der Telekom AG, im SOA Innovation Lab eine Arbeitsgruppe den Cloud Computing Guide entwickelt. Diesen Ratgeber stellte Oestrich gemeinsam mit Wilfried Reimann vor, der bei der Daimler AG den Bereich Enterprise Architecture & Innovation verantwortet sowie Vorstand des SOA Innovation Lab ist. Ein Kernstück dieses Ratgebers ist ein Schritt-für-Schritt-Ansatz zum Aufbau einer Private Cloud. Er ist unterteilt in fünf Bereiche und 13 Einzelschritte. Vor allem mit der Beschreibung der Schritte bekommen Anwender eine detaillierte Beschreibung der Fragen, auf die sie achten sollten. Unterteilt ist der Aufbauplan in folgende Dimensionen:

• Strategy
• Business
• Process
• Technology
• Security/Compliance

Im Bereich Strategy werden Fragen nach den strategischen Zielen und den mit Cloud erreichbaren Businesszielen beantwortet sowie Use Cases identifiziert, die in einem Private Cloud Szenario besser bewältigt werden können. Außerdem gilt es zu prüfen, welche Teile der IT-Landschaft für eine Cloud-Transition benutzt werden und last, but not least sollte in dieser Dimension eine Roadmap entwickelt werden.

Im Feld Business wird der ökonomische Wert analysiert und eine Sourcing-Strategie festgelegt. Die Dimension Process beinhaltet die Entwicklung eines Modells für die Verrechnung von Services – zum Beispiel auf Basis von Zeit, Nutzerzahl oder Transaktionsmenge. Außerdem müssen Servicekatalog und Service Levels so bearbeitet werden, das sie je nach Bedarf konfiguriert und dynamisch abgerechnet werden können. Ebenfalls angepasst werden müssen Operating Model und IT-Prozesse, damit sie weitgehend automatisch ablaufen und Selfservices für qualifizierte Nutzer erlauben.

Der vierte adressierte Bereich, Technology, befasst sich mit dem Aufbau der Infrastruktur. Hier müssen Verfahren entwickelt werden, um festzustellen, welche Anwendungen letztlich Cloud fähig sind und wie sie in die Wolke überführt werden können.

In der fünften Dimension, Security/Compliance, sollten Fragen nach dem zusätzlichen Risiko beantwortet werden, das eine Private Cloud-Umgebung gegenüber einer herkömmlichen IT-Landschaft birgt. Außerdem rät hier der Cloud Guide zu einer Analyse der legalen Aspekte, die auftauchen, wenn der Betrieb einer Private Cloud an einen externen Provider übertragen wird.

Doch mit der Strukturierung der Arbeitsschritte für den Aufbau einer Private Cloud macht der Cloud Computing Guide des SOA Labs noch lange nicht Schluss. Cloud Governance und Enterprise Architecture Management werden ebenfalls intensiv erörtert und diskutiert. Den Abschluss des sehr ausführlichen und fast alle Cloud-Fragen berührenden Ratgebers bildet die Vorstellung verschiedener Cloud Pattern: musterhafter Private-Cloud-Landschaften, die an verschiedenen strategischen Zielen ausgerichtet sind. „Anwender, die unseren Cloud Guide beherzigen, minimieren ihre Transitions- und Integrationsrisiken beim Aufbau einer Private Cloud“, betonte Oestrich.

VW interpretiert SOA um

Ähnlich wie der Cloud Guide des SOA Labs das Thema Private Clouds für den Anwender strukturiert, hat sich auch die IT von Volkswagen einen Ordnungsrahmen geschaffen, der den Bedürfnissen eines Großkonzerns mit weltweit 550 000 Beschäftigten, mehr als 1300 Gesellschaften und werktäglich 37 000 produzierten Autos gerecht wird.
„Im Grunde“, erklärte Volker Kratzenstein, Group Software Technology Officer während der SOA Days 2013, „ hatten wir mit SOA schon 2007 und 2008 diesen Ordnungsrahmen gefunden.“ Doch da wir zu techniklastig argumentierten und vorher nicht herausgearbeitet hatten, in welchen Bereichen SOA am meisten Sinn ergeben würde, sind wir mit der breiten Etablierung des Prinzips nicht wie geplant vorwärts gekommen.“ Wesentlich  für den Durchbruch war die Adaption von in der KFZ-Fertigung und -Entwicklung bereits etablierten Prinzipien der Standardisierung, Modularisierung und Wiederverwendung. „Wir haben das Prinzip beherzigt, aber wir haben den Begriff „Domänenmodell“ ad acta gelegt, weil außerhalb der IT niemand etwas damit anfangen konnte“, bekannte Kratzenstein vor dem Publikum im Bonner Telekom Dome. Die Fachbereiche nennen dies nun Fachfunktionslandkarte. Der IT ging es ums Prinzip und nicht um den Begriff, deshalb war sie sehr zufrieden mit der Entwicklung. „Wir sind jetzt auf dem besten Wege, für ein modulares Business auch eine modulare IT anbieten zu können“, freute sich Kratzenstein. Nachdem klar war, dass sich SOA nur gemeinsam mit den Fachbereichen realisieren ließ, wurde das Thema komplett uminterpretiert. Kratzenstein: „SOA buchstabieren wir heute als Sehen – Ordnen - Aufräumen.“ Dabei steht Sehen für das Erkennen und Verstehen der bestehenden IT-Architektur und Landschaft. Beim Ordnen geht es um die Definition der Zielarchitektur und Aufräumen bedeutet Projekte umzusetzen, die zur Zielarchitektur führen. Mit dieser Uminterpretation schaffte es die VW-IT, die Fachbereiche zu erreichen und die Themen Unternehmensarchitektur und Wiederverwendung systematisch in Angriff zu nehmen.

Wiederverwendbarkeit und Modularität sind Trumpf

Nachdem der Ordnungsrahmen geschaffen war, bestand der nächste logische Schritt darin, ihn in Form verschiedener Modulbaukästen auszugestalten, die wie Filter funktionieren und eine Basisbebauung für die unterschiedlichen Gesellschaftstypen ergeben. Handelt es sich um ein Produktionswerk, eine Motorenfabrik, eine Vertriebsgesellschaft oder um eine Mischung aus allem? Darauf setzt die Plattformsteuerung auf, die entlang eines Entscheidungsbaums die detaillierte Bebauung nach Gesellschaftsform und Werkstypen ergibt. In einem letzten Schritt wird dann auf Basis standardisierter Checklisten geprüft, ob ein solches Set an spezifischen, aber standardisierten Applikationen noch durch lokale und marktspezifische Individualisierungen erweitert werden muss.

„Anhand dieses vierstufigen Rahmens können wir beispielsweise sehr viel genauer sagen, wo die IT-Kosten für ein PKW-Werk liegen, in dem pro Jahr 100 000 Fahrzeuge produziert werden und zwar unterschieden nach Aufbau- und Betriebskosten. Wir nennen das intern Weißbuch. Und wir entwickeln diese Blueprints ständig weiter. „Auf dieser Basis sind wir in der Lage, Nachvollziehbarkeit und Planbarkeit in den Prozess hineinzubringen sowie entsprechende Hosting- und Serviceentscheidungen zu treffen.“ Außerdem unterstützt der IT-Baukasten die Standardisierung der Applikationen. „ Wir schreiben bestimmte Applikationen als Standards vor in allen Marken und Bereichen – etwa in punkto Finanzsysteme.“

Inzwischen setzt VW 294 wiederverwendbare Module ein, 550 Prozent mehr als  2009. Die Zahl der Zugriffe auf diese Module hat sich in der gleichen Zeit dabei sogar verzehnfacht. Wie viel die SOA-Prinzipien und aktives Enterprise Architecture Management bringen, zeigt sich auch bei der Einfühungen von iPads und Apps. Überall dort, wo SOA implementiert war, gelangen Enterprise App-Entwicklungen für iPads sehr einfach.“ Auch bei der App-Entwicklung setzt VW auf das SOA-Prinzip der Wiederverwendung. So werden Basiselemente von Apps wie ein Barcode-Reader, Skinnig oder Verschlüsselung nur einmal entwickelt und in allen VW-Apps wieder eingesetzt. „Durch wiederverwendbare Komponenten spart man bei der Entwicklung einer neuen App bis zu 70 Prozent der Herstellungskosten.

Ein weiteres Beispiel für die Vorteile von SOA und EAM schildert  Kratzenstein am Beispiel der IT-Systeme für den Fahrzeughandel und Import. Früher wurden die VW-Systeme mit individuellen Schnittstellen an die Systeme des Großhandels oder Handels angebunden. Mit der Zeit entstand so ein hochkomplexes System von IT-Lösungen und Schnittstellen. VW begann 2008 diese Situation in eine intgrierte Architektur zu überführen. „Wir haben erst einen Teil der Reise zurückgelegt“, berichtet Kratzenstein, aber die Nutzungszahlen geben uns Recht. Wir haben 2008 mit 25 Webservices in den Handelssystemen begonnen und haben darüber 90 Millionen Transaktionen abgewickelt. Inzwischen bieten wir 215 dieser Services an und wickeln über sie zwischen 350 und 410 Millionen Transaktionen pro Quartal ab. Das ist SOA in Realität.

Digitales Business mit SOA

Am Ende seines Vortrags geht Kratzenstein auf das gleiche Thema ein wie Helbig während der Eröffnung der SOA Days: IT als digitaler Service oder Produkt. „Das IT-Geschäftsmodell, das sich lange Jahre hinter der Firewall abgespielt hat, geht zunehmend raus ins Internet. Für die Realisierung der digitalen Business Strategie ist SOA  zwingend erforderlich“. Für VW stelle sich die Frage, wie sich der Konzern mit den zahlreichen Internetdiensten wie Google, Skype, Twitter, Facebook etc. so verbinden kann, dass einerseits die Unabhängigkeit der Diensteanbieter gewährleistet bleibt, aber gleichzeitig die eigenen Standards zum Beispiel in Bezug auf Qualität aufrecht erhalten werden können. „Wenn wir unsere Lösungen klar konzipiert haben und der Diensteanbieter auch, dann sprechen wir über Industriestandards, die wir zusammenbringen und wir reden letztlich darüber, wie wir SOA mit SOA verbinden können.“ Das hält Kratzenstein für machbar.

 

*Der Beitrag ist in gekürzter Form auch in der Computerwoche, Ausgabe 21 vom 21. Mai 2013 auf 36 und 37 erschienen.